Vermisst du die Schweiz nicht?

„Bist du nicht einsam und traurig?“, „Vermisst du denn nicht deine Heimat?“, werde ich sehr oft von Leuten gefragt, die ich neu kennen lerne.

„Ja, schon“, wäre die Antwort, die jeder erwarten würde. Natürlich antworte ich auch so, denn es ist etwas wahres dran. Viele Menschen verstehen jedoch nicht, dass „vermissen“ und „einsam“ keine Dauerzustände sind. Es sind eher Situationen und Phasen, in denen ich denke „ach, wäre ich jetzt in der Schweiz oder in Europa, dann…“.

Und ja, richtig gehört, ich fühle „vermissen“ nicht nur in Verbindung mit den klassischen Schlagwörtern, wie „Familie“, „Heimat“, „Schweiz“ und „Freunde“.

Ich liebe die Vielfalt von Europa. Ich liebe es am einen Ort französisch zu sprechen und französische Backwaren zu essen und am anderen Ort deutschen Humor und deutsches Bier zu geniessen.

Ich kann noch viel mehr aufzählen und das werde ich auch in einem anderen Artikel, aber hier geht es mir eher um „Generalisierung“, den Einfluss von „Medien“, „Individualität“ und „Persönlichkeit“.

Tempel und japanischer Garten in Kyoto
Tempel und japanischer Garten in Kyoto

Generalisierung

In den Gesellschaften, in denen ich aufgewachsen bin, ist alles sehr geregelt, und alle leben und denken sehr ähnlich. (wobei ich mir sicher bin, dass die Meisten nur eine Maske auflegen um „dazu zu gehören“ oder „kein Aussenseiter zu werden“).

Leider hat dieses Verhalten folgen.

So wie ich die Meisten kenne, würde kaum einer eine genauere Erklärung zu „Vermisst du deine Heimat denn nicht?“ verstehen. Wenn ich es wieder einmal versuchen würde, würde ich vielleicht wieder von Vielen Gegensprüche hören wie: „Du bist also nur abgehauen. Du kaltes oberflächliches Biest.“ Natürlich nicht wörtlich, aber etwa in der Art.

Die Fragen und die erwarteten Antworten der Mitmenschen sind, was uns die Gesellschaft, aber auch die Medien, vorzeigt. Beispielsweise werden in vielen Fernsehsendungen über Auswanderung immer die selben Sätze gesagt, was sich sehr oft dann in der Erwartung der Menschen wiederspiegelt. (à la „vorgekaut und nachgeplappert“. Ist einfach, oder?) Und: Leider wird auch sehr viel Negatives über Ein- und Auswanderung gezeigt, weil sich „Sensation“ besser verkauft als „alles easy“.

Switzerland, Japanese, Luzern, Lucerne, Schweiz
Luzern, Schweiz

Jeder ist mit gewissen Werten und Moralvorstellungen aufgewachsen. Ich bin mir sicher, dass du auch schon Sätze wie: „Weshalb ziehst du weit weg? Hast du mich nicht mehr lieb?“, „Wer weit weg zieht, oder früh auszieht, der möchte doch nur von Schwierigkeiten fliehen, statt sie zu beheben“, gehört hast.

Deshalb erwarten die Leute Antworten wie: „Aber natürlich werde ich euch vermissen und ich liebe euch und ich werde mindestens x mal vorbeischauen.“

Persönlich finde ich diese Gedankensweise an sich bereits sehr ungesund. Niemand sollte sein Glück von anderen Menschen abhängig machen. Sonst stehen wir einander im Weg und genau so entstehen doch Schwierigkeiten?

Ist es nicht das Schönste, wenn du glücklich sein kannst mit deinem Leben, mit anderen und für andere? Ist glücklich sein durch andere nicht an sich bereits eine Abhängigkeit, die beide Seiten bremst, ihr Leben voll zu leben?

Bitte schreibt mir, falls ihr meine Gedanken nicht versteht. (unter Kommentar oder Kontakt)

See in der Schweiz
See in der Schweiz

Ich bin in einer grossen Familie aufgewachsen (drei jüngere Schwestern). Wenn meine Schwestern ein lang erarbeitetes Ziel erreicht haben, habe ich mich immer mitgefreut. Für mich kommt Glück von Innen, glücklich sein, wenn andere glücklich sind, sich gegenseitig unterstützen und Mut machen und Freiheit geben, selbst zu entscheiden und eigene Erfahrungen zu machen.

Die Generalisierung von „Du musst x vermissen. Du musst traurig sein, wenn du nicht das Leben lebst, was deine Mitmenschen für dich haben wollen“, ignoriert Persönlichkeit und Individualität.

Ausserdem, statt den Menschen näher zu dir zu bringen, schubst du den Menschen eher von dir weg. Stattdessen würde ich dir empfehlen, der Person alles Gute zu wünschen und zu sagen, falls etwas ist, wirst du da sein. Das gibt beiden Seiten mehr Sicherheit in der Beziehung und macht im Nachhinein mehr Freude um Briefe zu schreiben, oder zu telefonieren.

Ein positiver Grund Kontakt zu behalten spornt beide Seiten mehr an und hinterlässt gute Gefühle.

Persönlichkeit

Natürlich ist jeder Mensch anderst. Während der eine die physische Nähe zu Familien und Freunde mehr benötigt, braucht der andere eher eine emotionale Nähe.

Das ist auch ein Mitgrund, weshalb Menschen unterschiedlich oft mit den selben Menschen unterwegs sind, oder unterschiedlich weit weg ziehen. Was du brauchst um dich Wohl zu fühlen und was mir Zufriedenheit gibt, kann komplett gegensätzlich sein. Und das ist auch gut so. Deshalb funktioniert unsere Welt, wie sie ist.

Jedoch frage ich dich: Vermisst du, sobald du in ein neues Zuhause umziehst, deine Freunde und deine Familie non-stop? Verfällst du in eine tiefe Depression und kriegst nichts mehr auf die Reihe?

Vermutlich nicht.

Genau so ist es mit dem Auswandern: Du ziehst lediglich um. Nichts ändert sich. Deine Freunde bleiben deine Freunde, deine Familie bleibt deine Familie. Mit den echten Freunden und echter Familienliebe wirst du, egal bei welcher Distanz, Briefe schreiben, telefonieren oder mal ein Päckchen senden. Dabei kommt es nicht darauf an wie oft, sondern wie gut und glücklich beide Seiten sich dabei fühlen.

Kyoto
Kyoto

Ausserdem seit ihr doch Erwachsen?

Deshalb verstehe ich die dauernden Fragen über Einsamkeit, Trauer, Vermissen, nicht ganz. Jeder hat seinen eigenen Tagesablauf, Hobbies, Arbeit, Ich-Zeit etc.. Wenn wir die ganze Zeit nur einander nachrennen würden und immer versuchen würden andere glücklich zu machen, würden wir uns selbst vernachlässigen. Und die Folgen davon sind gegenseitige Eifersucht, ein schlechtes Gewissen und sich allgemein sehr unsicher zu fühlen. Das Resultat ist, dass die Personen sich von einander abstossen und nur noch wegen „wir müssen doch miteinander Zeit verbringen“ zusammen sind.

Glücklich ist, wer sich selbst leben kann.

Wer das Leben eines anderen lebt, oder immer nur so lebt, wie es andere von ihm erwarten, legt sich selbst Steine in den Weg, wird kaum „Ich“ sein können und das Leben kaum gelassen geniessen.

Soooo, jetzt aber genug von dem Blah blah und behaltet im Kopf: meine Meinung, meine Gedanken, ich höre jedoch gerne eure Gedanken und Erfahrungen an!

  • Schreib mir, welcher Typ Mensch bist du?
  • Abenteuerlich? Liebst du neue Herausforderungen?
  • Oder brauchst du eher Ruhe und wenig Veränderung um dich sicher und wohl zu fühlen?
  • Oder vielleicht ein bist du ganz anderer Typ?

Wie bereits erwähnt, geht es im nächsten Artikel weiter mit „Was vermisse ich denn wirklich?“

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Tiya

Ich bin Patricia, schreibe Bücher, zeichne viel und interessiere mich intensiv für die kulturellen Unterschiede zwischen der Schweiz und Japan.

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